An der Börse heißt es oft: „Politische Börsen haben kurze Beine.“ Doch mit dem Iran-Konflikt drohen nun eine Ölkrise und anhaltende Inflation. Müssen Anleger sich auf ein dauerhaft schwieriges Umfeld einstellen.
Tatsächlich beobachten wir derzeit ein Tauziehen der Kräfte. Einerseits beruhigen sich die Märkte oft schnell, sobald die diplomatischen Bemühungen – insbesondere der US-Administration – greifen. Die Kursentwicklung seit Jahresbeginn deutet darauf hin, dass die Lage zwar angespannt, aber bisher nicht dramatisch ist. Andererseits wachsen die strukturellen Sorgen um das Wachstum und die Energiepreise. Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge.
Sie erwähnen die USA. Wie schätzen Sie deren Spielraum ein? Inwieweit ist Washington aktuell bemüht, eine weitere Eskalation zu begrenzen?
Genau das ist der entscheidende Punkt. Die US-Regierung signalisiert deutlich, dass sie nicht bereit ist, jeden Preis für ihre Ziele zu zahlen. Sobald die Kosten – ob menschlich, finanziell oder durch explodierende Ölpreise – unkalkulierbar werden, schwindet der Rückhalt in der Bevölkerung. An diesem Punkt entstehen meist Verhandlungsspielräume. Eine Unterbrechung der Kampfhandlungen wäre dann der erste Schritt auf einem langen Weg zu einer neuen Ordnung. Ein deutlicher und breiter Markteinbruch ist aus heutiger Sicht daher eher unwahrscheinlich.
Dennoch bleibt Öl teuer und die Inflation hoch. Die Zentralbanken stehen unter Zugzwang. Ist das Szenario für die Wirtschaft noch beherrschbar?
Wir rechnen zwar nicht mit einem massiven Energieschock, aber die Ölpreise dürften auf einem vergleichsweise hohen Niveau bleiben. Die Inflation ist bereits erhöht, die Zentralbanken werden darauf zumindest teilweise reagieren. Aber: Das Szenario ist nicht existenziell bedrohlich. Die Weltwirtschaft hat aus Krisen wie der Pandemie gelernt und ist heute deutlich widerstandsfähiger. Die Märkte trauen Wirtschaft und Gesellschaft zu, mit diesen Belastungen umzugehen.
Was bedeutet das konkret für die Anlagestrategie? Wie behalten Anleger in dieser Volatilität die Nerven?
Wer langfristig und regelmäßig investiert, profitiert vom Cost-Average-Effekt: Bei niedrigen Kursen werden automatisch mehr Anteile erworben, bei hohen Kursen weniger – ein antizyklischer Mechanismus, der langfristig eine solide Grundlage für Anlageerfolg schaffen kann.