LW: Spielt in diesem Umfeld auch die Nachfrage nach europäischen Assets und Expertise eine größere Rolle?
HW: Ja, deutlich. Viele Investoren sind bei US-Dollar-Assets zurückhaltender. Europa gewinnt an Bedeutung, auch für internationale Investoren, die nach Europa schauen. Damit steigt auch die Bedeutung europäischer Expertise. Wer hier als Asset Manager verankert ist und über Sourcing, Netzwerke und Erfahrung verfügt, hat einen Vorteil gegenüber Häusern, die nur auf der Investmentseite aktiv sind. Unsere starke Basis in Europa ist ein echter Mehrwert.
LW: In Phasen hoher Unsicherheit entstehen oft auch Chancen. Welche Bereiche werden derzeit möglicherweise übersehen?
HW: Grundsätzlich bin ich ein Freund der langfristigen Perspektive. Bei hoher Tagesvolatilität Märkte zu timen, ist nicht das Geschäft institutioneller Kunden. Ihre Portfolios müssen so aufgestellt sein, dass die Tagesvolatilität niemals die Grenzen ihrer Risikotragfähigkeit verletzen kann. Wenn wir in diesem Rahmen über Diversifikation sprechen, sind zum Beispiel Assetklassen wie Forst zu nennen, die weitgehend unabhängig von Kapitalmarktentwicklungen sind. Wichtig ist aus meiner Sicht, in unsicheren Zeiten nicht jedem Basispunkt hinterherzulaufen. Manchmal ist es sinnvoll, auf ein paar Basispunkte Rendite zu verzichten, wenn man dafür auf der Risikoseite deutlich besser positioniert ist. Das spricht eher für Core- und Core-Plus-Strategien als für opportunistische oder stark wertsteigerungsorientierte Ansätze. Durch die gestiegenen Zinsen sind die Renditen in vielen Bereichen wieder auskömmlich. Für viele Investoren reicht das, um Rechnungszins oder Verpflichtungen abzudecken, ohne zusätzliche Risiken eingehen zu müssen.
LW: Wenn man auf die Asset-Management-Branche blickt: Was wird künftig wichtiger sein, Größe oder Spezialisierung?
MH: Aus meiner Sicht braucht es beides. Beginnen würde ich aber mit der Spezialisierung. Wir sind der Asset Manager von Munich Re und bringen ein sehr breites Verständnis unterschiedlicher institutioneller Anforderungen mit – von Versicherungen bis hin zu Pensionskassen. Wir kennen die jeweiligen regulatorischen, bilanziellen und steuerungsrelevanten Rahmenbedingungen sehr genau und verstehen das Zusammenspiel von Kapitalanlage und Verpflichtungsseite über verschiedene Systeme hinweg, etwa IFRS, Local GAAP und Solvency II. Dieses Wissen ist ein klarer Spezialisierungsvorteil. Hinzu kommt, dass Spezialisierung auch unsere Produktlandschaft prägt.
Wir haben sehr erfolgreich alternative Assetklassen aufgebaut. Heiko hat etwa Forst genannt, eine Anlageklasse, die nicht viele in dieser Form anbieten. Gleichzeitig sind wir stark in Assetklassen, die für unterschiedliche institutionelle Anlegergruppen relevant sind, vor allem im Credit-Bereich oder unterschiedlichen Währungen. Munich Re ist weltweiter Rückversicherer mit Zahlungsverpflichtungen aus dem Versicherungsgeschäft in vielen unterschiedlichen Währungen. Diese internationale Perspektive und Erfahrung übertragen wir auch auf andere Mandate. Wir können Credit-Lösungen in vielen Währungsräumen anbieten.
Größe ist dennoch wichtig. Über Größe können wir Fixkosten tragen, Expertise skalieren und unsere Fähigkeiten breiter an den Markt bringen. Wir wollen gezielt dort expandieren, wo wir bereits stark sind und wo Wachstum für unsere Kunden echten Mehrwert schafft. Es geht uns aber nicht darum, über Größe jeden einzelnen Basispunkt zu optimieren. Unser Ziel ist es, ertragreich für Kunden da zu sein und klar erkennbaren Mehrwert zu schaffen.
LW: Heiko, schätzen Anleger, dass Munich Re selbst in viele Produkte investiert und MEAG die Versicherungsseite so gut kennt?
HW: Ja, besonders die Expertise auf der Versicherungsseite kommt am Kapitalmarkt sehr positiv an. Versicherungen und versicherungsähnliche Anleger sind schließlich eine unserer wichtigsten Kundengruppen. Ein zentraler Punkt hierbei ist, dass Munich Re für unsere Kunden meist kein direkter Wettbewerber ist. Wir kommen als Asset Manager aus der Rückversicherung und stehen damit bei vielen Kunden nicht im unmittelbaren Wettbewerb. Noch wichtiger ist aber das Alignment of Interest. Wenn Munich Re selbst investiert, entsteht ein klarer Interessensgleichlauf. Das ist gerade bei Alternative Assets sehr entscheidend, weil diese Anlagen langfristig ausgerichtet sind und Investoren über längere Zeit gebunden bleiben. Für Kunden ist es deshalb ein starkes Signal, wenn sie sehen:
Munich Re steht auch mit eigenem Kapital und eigener Überzeugung hinter diesen Lösungen.